Schüsse im Schatten
Chapter 1 — Schüsse im Schatten
Das Knistern des Kaminfeuers war das Einzige, was die Stille in der opulenten Bibliothek durchbrach, doch es konnte das Beben in meiner Brust nicht übertönen. Mein Blick wanderte unwillkürlich zu dem roten Samtkasten, der auf dem schweren Mahagonitisch stand – ein Sarg für meine Freiheit, verschnürt mit einem Seidenband der Unterwelt. Ich, Nadine Adler, sollte den Mann heiraten, der meine Familie vor dem Ruin bewahrt hatte: Jan Diehl, der unbarmherzige Pate des Berliner Syndikats.
Die Luft roch nach altem Papier und einer unterschwelligen Bedrohung, als mein Vater, Karl Adler, den Raum betrat. Seine Augen mieden meinen Blick, ein Zeichen seiner eigenen Verzweiflung und Schuld. „Nadine, meine Liebste“, begann er mit brüchiger Stimme, „ich weiß, das ist nicht das Leben, das du dir gewünscht hast… aber es ist der einzige Weg. Wir sind ihm so viel schuldig.“
„Schuldig?“, zischte ich, die Worte brannten auf meiner Zunge. „Du hast uns schuldig gemacht! Dein leichtsinniges Glücksspiel hat uns in diese Situation gebracht. Und jetzt soll ich die Zeche zahlen, indem ich einen Mann heirate, der mehr Blut an seinen Händen hat als Tinte in seinen Verträgen.“ Die Bitterkeit meiner Worte schien ihn kaum zu berühren, er war zu sehr mit seinem eigenen Überleben beschäftigt.
„Jan ist… ein Mann von Ehre“, stammelte er, doch die Lüge lag wie ein Schleier über seinen Worten. Ehre in der Welt, in der er verkehrte, war ein blutbefleckter Begriff. Ich kannte die Geschichten, die in den dunklen Ecken Berlins geflüstert wurden: Jan Diehl, der Königsmacher der Unterwelt, der Mann, der mit einem Lächeln Leben auslöschen konnte. Ein Mann ohne Gnade, ohne Reue.
Ich umklammerte die Armlehne des Sessels, meine Fingerknöchel weiß. „Was, wenn ich mich weigere?“, wagte ich zu fragen, obwohl ich die Antwort bereits kannte. Die Konsequenzen wären nicht nur für mich verheerend, sondern für meine gesamte Familie. Mein jüngerer Bruder, Jakob, meine Mutter… sie alle würden unter meinem Ungehorsam leiden.
Mein Vater seufzte schwer. „Das darfst du nicht, Nadine. Jan hat uns eine Frist gesetzt. Wenn du ihn nicht heiratest…“ Er brach ab, die unausgesprochene Drohung hing schwer im Raum. „…dann wird er unser Unternehmen übernehmen, uns alles nehmen. Und ich kann dir nicht garantieren, dass er Jakob verschont.“
Jakob. Mein weicher Punkt, meine Achillesferse. Alle Träume, die ich für ihn hegte, seine Zukunft an der Universität, seine unbeschwerte Jugend… alles hing an einem seidenen Faden, der von meinem Ja oder Nein abhing. Ich schloss die Augen, die Bilder tanzten vor meinem inneren Auge: Jakob, gefangen in den Fängen des Syndikats, seine Unschuld für immer verloren.
„Ich… ich brauche Zeit“, flüsterte ich, die Worte kaum hörbar. Zeit, um einen Ausweg zu finden, um einen Plan zu schmieden. Zeit, um mich mit meinem Schicksal abzufinden oder es zu durchkreuzen. Zeit, um zu verhindern, dass Jan Diehl mein Leben für immer verdunkelte.
Mein Vater nickte langsam. „Jan erwartet dich morgen Abend zum Essen. Er möchte dich kennenlernen.“ Er verließ den Raum, seine Schritte schwer und gedrückt. Ich blieb allein zurück, umgeben von der kalten Pracht des Herrenhauses, das nun wie ein Gefängnis wirkte.
Die Stunden bis zum Abendessen vergingen wie in Zeitlupe. Ich verbrachte sie damit, in alten Büchern zu blättern, nach Hinweisen, nach einem Funken Hoffnung zu suchen. Doch die Worte verschwammen vor meinen Augen, ersetzt durch das unerbittliche Bild von Jan Diehl. Ich hatte ihn noch nie persönlich getroffen, aber sein Ruf eilte ihm voraus: ein Mann von eiskalter Schönheit und unbarmherziger Grausamkeit.
Als die Dämmerung hereinbrach, stand ich vor dem Spiegel und betrachtete mein Spiegelbild. Das elfenbeinfarbene Seidenkleid, das meine Mutter für mich ausgesucht hatte, fühlte sich an wie ein Leichentuch. Ich schminkte mich dezent, versuchte, die Angst in meinen Augen zu verbergen. Dann atmete ich tief durch und verließ mein Zimmer, bereit, meinem Schicksal entgegenzutreten.
Die Fahrt zu Jan Adlers Villa fühlte sich wie ein Gang zum Schafott an. Das Anwesen lag am Stadtrand von Berlin, umgeben von hohen Mauern und gesichert durch schwer bewaffnete Wachen. Als das Auto vor dem imposanten Eingangstor hielt, spürte ich, wie mein Herz schneller schlug.
Die Tür wurde von einem stämmigen Mann mit einem finsteren Blick geöffnet. Er musterte mich kurz und führte mich dann durch einen langen, dunklen Korridor. Am Ende des Korridors öffnete er eine schwere Eichentür und bedeutete mir einzutreten. „Jan wartet auf dich.“
Ich trat ein und fand mich in einem luxuriösen Salon wieder. Das Zimmer war in dunklen Farben gehalten und mit kostbaren Kunstwerken und antiken Möbeln ausgestattet. Am Ende des Raumes, vor einem großen Panoramafenster mit Blick auf die erleuchtete Skyline von Berlin, stand er. Jan Diehl.
Er drehte sich langsam um, und ich sah ihn zum ersten Mal. Seine Augen waren so dunkel wie die Nacht, und sein Blick durchdrang mich wie ein Schwert. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte: „Willkommen, Nadine. Ich habe mich schon sehr darauf gefreut, dich kennenzulernen.“
Doch bevor ich antworten konnte, ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Eine Scheibe des Panoramafensters zersplitterte, und ich sah, wie Jan Diehl zusammensackte. Blutrote Rosenblätter wirbelten durch die Luft, als er zu Boden sank. Ich schrie auf, unfähig, meinen Augen zu trauen. Ein Schuss. Jan Diehl war angeschossen worden. Und ich stand direkt daneben.