Ruinös
Chapter 1 — Ruinös
Das Rascheln von Seide war das Letzte, was mein Vater hörte. Ich schloss die Augen, presste die Lippen zusammen. Nicht daran denken. Nicht jetzt. Heute war mein Hochzeitstag.
Die Villa Hohenberg strahlte in der Nachmittagssonne. Ein Meer aus weißen Rosen umrahmte den Eingang, ein dezenter Hinweis auf den Reichtum, der hier herrschte. Drinnen, im Ballsaal, tanzten Schatten über die Wände, während die Gäste tuschelten und Sektgläser klirrten. Sie alle waren hier, um zu sehen, wie ich, Leni Lindner, den Mann heiratete, der meine Familie gerettet hatte. Oder sie endgültig ins Verderben stürzen würde.
Andreas von Aschberg. Sein Name war ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Er war der Erbe eines Industrieimperiums, dessen Wurzeln tief in der deutschen Unterwelt lagen. Seine Augen, so dunkel wie die Nacht, hatten mich bei unserer ersten Begegnung durchbohrt, mich gefangen genommen. Ich war ein Schmetterling, gefangen in seinem Netz aus Macht und Intrigen.
Meine Mutter hatte auf diese Verbindung gedrängt. Unser Familienunternehmen stand kurz vor dem Ruin, zerschlagen von unerbittlicher Konkurrenz. Andreas hatte ein Angebot gemacht, das wir nicht ablehnen konnten: Schulden tilgen, die Firma retten, im Gegenzug meine Hand. Ein Pakt mit dem Teufel, besiegelt mit einem Ring aus Weißgold und dem Versprechen ewiger Loyalität.
Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen, als ich den Saal betrat. Sein dunkler Anzug schien die umgebende Helligkeit zu absorbieren, seine Gestalt ragte wie ein dunkler Monolith empor. Er lächelte, ein kurzes, fast schmerzhaft schönes Lächeln, das meine Knie weich werden ließ. Ein Mann, der mit einem einzigen Blick ganze Königreiche zerstören konnte, wollte mich zur Frau.
Die Zeremonie verlief wie im Traum. Die Worte des Pfarrers, die Musik, das Raunen der Menge – alles verschwamm zu einem surrealen Schleier. Ich sah meine Mutter, Tränen in den Augen, ein Ausdruck von Erleichterung und Angst auf ihrem Gesicht. Mein Vater… ich durfte nicht daran denken. Nicht jetzt.
Als Andreas mir den Ring an den Finger steckte, berührten sich unsere Hände. Seine Haut war kalt, fast eisig. Er flüsterte, kaum hörbar: »Jetzt gehörst du mir, Leni. Für immer.« Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Am Abend, in der Hochzeitsnacht, stand ich allein in der prunkvollen Suite. Der Raum war mit blutroten Rosen auf weißem Samt dekoriert – eine makabre Inszenierung. Die Tür öffnete sich, und Andreas trat ein. In seinen Augen lag ein Ausdruck, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. „Es gibt etwas, das du über deinen Vater wissen solltest…