Zu spät für uns

Chapter 1 — Zu spät für uns

Der Geruch von verbranntem Zucker hing schwer in der Luft, vermischt mit dem säuerlichen Duft von billigem Desinfektionsmittel. Ein widerlicher Cocktail, der jede Erinnerung an die unbeschwerten Tage in Tokio zu ersticken drohte. Tage, in denen Kirschblütenblätter wie rosa Schnee vom Himmel fielen und Jonas' Lachen so hell war wie die Neonlichter von Shibuya.

Fünf Jahre. Fünf Jahre, seit ich Hals über Kopf aus Berlin geflohen bin, um in Japan ein neues Leben zu beginnen. Fünf Jahre, seit Jonas mir das Herz gebrochen hat – und ich seins, wie ich jetzt weiß. Jetzt stehe ich hier, im Wartezimmer einer kleinen Tierarztpraxis in Prenzlauer Berg, Berlin, und warte darauf, dass meine alte Hündin Frieda geröntgt wird. Frieda, meine treue Begleiterin, die einzige Konstante in meinem chaotischen Leben.

»Greta Conrad?«, rief eine junge Frau im grünen Kittel. Ihre Stimme war freundlich, aber ihre Augen verrieten die Müdigkeit, die in diesem Job wohl dazugehörte. Ich nickte und folgte ihr in einen kleinen, steril wirkenden Raum. Frieda humpelte hinter mir her, ihre graue Schnauze dicht am Boden.

»Frau Conrad, die Röntgenbilder zeigen, dass Frieda einen Tumor im Knie hat. Er ist noch klein, aber er wächst schnell. Wir müssen operieren, wenn wir ihr eine Chance geben wollen.« Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Eine Operation? Konnte ich mir das überhaupt leisten? Und was, wenn Frieda es nicht schaffte?

Ich setzte mich auf einen der unbequemen Plastikstühle und strich Frieda über den Kopf. »Was sollen wir nur machen, mein Mädchen?«, flüsterte ich. Frieda leckte mir tröstend die Hand.

Die Tierärztin erklärte mir die Details der Operation, die Kosten, die Risiken. Mein Kopf schwirrte. Ich nickte, sagte Ja und Amen, obwohl ich kaum verstand, was sie sagte. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Panik in Schach zu halten, die in meiner Brust aufstieg. Zurück in Berlin. Zurück in der Stadt, die ich so verzweifelt verlassen hatte. Zurück in der Nähe von… ihm.

Die Praxis lag nur wenige Straßen von der alten WG entfernt, die ich mit Jonas geteilt hatte. Eine WG, die voller Leben, Musik und endloser Gespräche war. Eine WG, die zum Zentrum unserer kleinen Welt geworden war. Eine Welt, die an einem einzigen Tag in tausend Stücke zerbrach.

Ich hatte gehofft, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Dass die Erinnerungen an ihn mit der Zeit verblassen würden, wie alte Fotos in einem verstaubten Album. Aber jetzt, da ich wieder hier war, fühlte es sich an, als wäre alles erst gestern passiert. Die Schmerzen, die Wut, die unendliche Trauer. Alles war noch da, tief in meinem Inneren vergraben.

Nach dem Termin ging ich mit Frieda langsam die Straße entlang. Die Sonne schien warm auf mein Gesicht, aber ich spürte nichts davon. Ich war wie betäubt. Die vertrauten Geräusche der Stadt, die Gerüche von Kaffee und Currywurst, all das drang nicht zu mir durch. Ich war gefangen in meiner eigenen kleinen Welt, in der die Vergangenheit immer noch allgegenwärtig war.

Plötzlich blieb Frieda stehen und knurrte leise. Ich folgte ihrem Blick und sah ihn. Er stand auf der anderen Straßenseite, vor dem kleinen Café, in dem wir früher stundenlang gesessen und über die Zukunft philosophiert hatten. Jonas. Er war älter geworden, seine Haare waren etwas kürzer, aber seine Augen… seine Augen waren immer noch so blau wie der Himmel über Tokio an einem sonnigen Tag. Er sah mich. Unsere Blicke trafen sich. Und in diesem Moment wusste ich, dass mein Leben nie wieder dasselbe sein würde.

Er überquerte die Straße, langsam, zögerlich. Ich konnte die Frage in seinen Augen sehen, die Ungewissheit. »Greta?«, fragte er leise. Seine Stimme war rau, tiefer als ich sie in Erinnerung hatte. Ich brachte kein Wort heraus. Ich konnte nur nicken. Er blieb vor mir stehen, nur wenige Zentimeter entfernt. Ich konnte seinen Duft riechen, den Duft von Sandelholz und Kaffee, der mich sofort zurück in unsere gemeinsame Vergangenheit katapultierte.

»Ich… ich habe dich vermisst«, sagte er schließlich. Seine Worte waren kaum hörbar, aber sie trafen mich mitten ins Herz. Hatte er das wirklich gesagt? Hatte er mich vermisst? Nach allem, was passiert war? Ich wollte ihm so viel sagen, so viele Fragen stellen, aber meine Stimme versagte. Ich stand einfach nur da, wie erstarrt, und sah ihn an. Dann bemerkte ich den Ring an seinem Finger. Ein schlichter Goldring, der an seiner linken Hand funkelte. Ich folgte seinem Blick und sah zu, wie er die Frau ansah, die hinter ihm auftauchte. Sie war wunderschön, mit langen blonden Haaren und strahlend blauen Augen. Sie legte ihren Arm um seine Taille und lächelte ihn an. Ein Lächeln voller Liebe und Vertrautheit.

»Schatz, ist alles in Ordnung?«, fragte sie. Jonas nickte und sah mich wieder an. »Greta, das ist meine Frau, Sarah.« Die Worte hallten in meinem Kopf wider. Seine Frau. Er war verheiratet. All meine Hoffnungen, all meine Träume, all meine Sehnsüchte zerplatzten wie eine Seifenblase. Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Ich wollte nur noch weg, so schnell wie möglich.

»Es… es freut mich, dich kennenzulernen«, stammelte ich und versuchte, meine Stimme zu kontrollieren. Dann wandte ich mich ab und ging, ohne ein weiteres Wort. Frieda humpelte hinter mir her, ihr Blick fragend. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, was ich tun sollte. Alles, was ich wusste, war, dass ich so schnell wie möglich von hier weg musste. Weg von Jonas, weg von Sarah, weg von all den schmerzhaften Erinnerungen.

Ich rannte, so schnell ich konnte, die Tränen liefen mir ungebremst über das Gesicht. Ich rannte, bis ich nicht mehr konnte, bis meine Lungen brannten und meine Beine zitterten. Dann blieb ich stehen, mitten auf einer belebten Straße, und weinte. Ich weinte um Frieda, um Jonas, um meine verlorene Liebe und um die Zukunft, die ich mir so anders vorgestellt hatte. Die Operation für Frieda würde mich finanziell ruinieren, und nun stand ich vor Jonas und seiner Frau. Und etwas sagt mir, dass Jonas' Auftauchen in meinem Leben mehr als nur eine zufällige Begegnung war. Irgendetwas stimmte an dieser ganzen Situation ganz und gar nicht.