Gefangen im goldenen Käfig

Chapter 1 — Gefangen im goldenen Käfig

Der Champagner schmeckte nach Asche. Nicht, dass ich jemals Asche gekostet hätte, aber anders konnte ich den Geschmack nicht beschreiben, der sich in meinem Mund ausbreitete. Hier, in diesem goldenen Käfig aus Kristalllüstern und Seidentapeten, umgeben von lachenden, feiernden Gesichtern, fühlte ich mich so lebendig wie eine Statue. Heute, an meinem achtzehnten Geburtstag, sollte ich strahlen, die perfekte Tochter der von Rabensteins sein. Stattdessen wünschte ich mir nichts sehnlicher, als zu verschwinden.

»Carla, meine Liebe, du siehst bezaubernd aus!« Meine Mutter, Charlotte von Rabenstein, schwebte auf mich zu, ein strahlendes Lächeln auf ihren perfekt geschminkten Lippen. Ihre eisblauen Augen musterten mich kritisch, bevor sie sich wieder mit falscher Wärme füllten. »Du musst dich unterhalten, Kontakte knüpfen. Denk daran, wer heute Abend hier ist.«

Ich nickte stumm. Ich wusste genau, wer hier war. Die Crème de la Crème der Münchner Gesellschaft, versammelt, um mich, die zukünftige Erbin des von Rabenstein-Imperiums, zu begutachten. Potenzielle Ehemänner inklusive. Alle hatten sie ein Interesse daran, sich mit meiner Familie zu verbinden. Die von Rabensteins waren eine Macht, deren Wurzeln tief in der deutschen Industriegeschichte lagen. Eine Macht, die mein Vater, Nils von Rabenstein, mit eiserner Hand verteidigte.

»Und wo ist dein Bruder?«, fragte meine Mutter, ihre Stimme leicht angespannt. »Hat Friedrich sich wieder vor seinen Verpflichtungen gedrückt?«

Friedrich. Allein der Name löste ein Kribbeln in meinem Bauch aus, das ich so gut wie möglich zu ignorieren versuchte. Mein älterer Bruder, der Rebell der Familie, der sich weigerte, in die Fußstapfen unseres Vaters zu treten. Er war derjenige, der das Leben lebte, von dem ich nur träumen konnte. Frei, ungebunden, ohne Rücksicht auf Konventionen. Und er war verboten. Mehr als alles andere.

»Ich habe ihn vorhin in der Bibliothek gesehen«, sagte ich, meine Stimme ruhig. »Er hatte Besuch von einem… Freund.« Ich vermied es, den abfälligen Unterton meiner Stimme zu betonen. Meine Mutter war Friedrich' Eskapaden leid. Ich auch. Zumindest sagte ich mir das.

Sie verzog das Gesicht. »Ein Freund, der wahrscheinlich mehr Tattoos als Anstand besitzt. Dein Bruder ist eine ständige Enttäuschung.« Sie seufzte und strich eine unsichtbare Falte aus ihrem sündhaft teuren Kleid. »Aber genug davon. Lächle, Carla. Dein Vater erwartet uns.«

Ich folgte meiner Mutter durch die Menge, vorbei an flüsternden Grüppchen und aufgesetzten Lächeln. Mein Vater stand am Ende des Saals, ein Bollwerk aus Autorität und Macht. Er begrüßte mich mit einem kurzen Nicken und einem flüchtigen Kuss auf die Wange. Seine Augen waren kalt, prüfend. Ich wusste, was er sah: Eine potenzielle Schachfigur in seinem Spiel. Ein Werkzeug, um die Zukunft der von Rabensteins zu sichern.

»Carla, meine Tochter«, sagte er, seine Stimme sonor und durchdringend. »Ich möchte dich mit Herrn Dr. Felix Weber bekannt machen. Er ist ein enger Freund der Familie und ein sehr… fähiger Geschäftsmann.«

Herr Dr. Weber trat vor, ein Mann in meinem Vaters Alter, mit stechenden Augen und einem unangenehmen Grinsen. Er nahm meine Hand und küsste sie. Seine Berührung fühlte sich an wie eine kalte Schlange. »Es ist mir eine Ehre, Fräulein von Rabenstein. Sie sind eine wahre Schönheit.«

Ich zwang mir ein Lächeln ab. »Die Ehre ist ganz meinerseits, Herr Dr. Weber.«

Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, mich mit Herrn Dr. Weber zu unterhalten, seine langweiligen Geschichten über Börsenkurse und Immobilienprojekte zu ertragen. Ich spürte den Druck meines Vaters, die Erwartungen meiner Mutter, die Blicke der anderen Gäste. Ich war ein Ausstellungsstück, eine Trophäe. Gefangen in einem goldenen Käfig, dessen Gitterstäbe aus Tradition, Pflicht und Reichtum bestanden.

Später am Abend, als die Musik lauter und die Gespräche ungezwungener wurden, schlich ich mich auf den Balkon. Die kühle Nachtluft tat gut. Ich atmete tief ein und versuchte, die stickige Atmosphäre des Saals aus meinen Lungen zu vertreiben.

»Kannst du auch nicht mehr?«

Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Friedrich lehnte lässig an der Balustrade, eine Zigarette zwischen den Fingern. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, seine grünen Augen funkelten im Mondlicht. Er sah aus wie eine Sünde, so ungezähmt und gefährlich, wie er dort stand.

»Was willst du, Friedrich?«, fragte ich, meine Stimme leise.

Er grinste. »Nur sehen, ob es meiner kleinen Schwester gut geht. Oder besser gesagt, ob sie noch atmet unter all dem goldenen Staub.« Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch in die Nacht.

Ich schwieg. Es stimmte ja. Ich erstickte.

»Du weißt, dass das nicht dein Leben ist, Carla«, sagte er, seine Stimme plötzlich ernst.

»Was soll ich denn tun?«, fragte ich verzweifelt. »Weglaufen? Das würde ich mir nie verzeihen.«

Er kam näher, seine Augen suchten meine. »Vielleicht gibt es einen anderen Weg.«

In diesem Moment spürte ich es. Die Anziehungskraft, die immer zwischen uns gewesen war, die wir beide so lange ignoriert hatten. Sie war da, stark und unbestreitbar. Und sie war gefährlich. So gefährlich, dass sie alles zerstören könnte.

Plötzlich öffnete sich die Tür zum Balkon und mein Vater trat heraus. Sein Blick fiel auf uns, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Friedrich«, sagte er, seine Stimme eisig. »Was machst du hier? Ich dachte, du hättest dich bereits verabschiedet?«

Friedrich löste sich von der Balustrade und stellte sich vor mich, als wollte er mich beschützen. »Ich habe mich nur mit meiner Schwester unterhalten, Vater.«

»Ich glaube, es ist Zeit für dich zu gehen«, sagte mein Vater, ohne Friedrich' Blick zu erwidern. »Und Carla, ich möchte dich später noch sprechen. Unter vier Augen.«

Friedrich nickte knapp. »Gute Nacht, Carla.« Er warf mir einen letzten, vielsagenden Blick zu, bevor er verschwand.

Mein Vater wandte sich mir zu. »Ich habe große Pläne für dich, Carla. Und ich erwarte, dass du mir dabei hilfst, sie zu verwirklichen. Du wirst Herrn Dr. Weber heiraten.«

Meine Kehle fühlte sich an wie ausgetrocknet. »Was?«, hauchte ich. »Nein. Das kann ich nicht.«

Er packte meinen Arm, sein Griff schmerzte. »Du wirst tun, was ich dir sage. Die von Rabensteins brauchen diese Verbindung. Und du wirst nicht der Grund sein, warum sie scheitert. Denk daran, Carla: Du gehörst uns. Du gehörst mir.«

Er ließ meinen Arm los und ging zurück in den Saal. Ich stand allein auf dem Balkon, die kühle Nachtluft fühlte sich plötzlich erdrückend an. Ich würde Herrn Dr. Weber heiraten. Mein Leben war entschieden. Meine Zukunft besiegelt. Oder etwa doch nicht?

In diesem Moment traf ich eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die alles verändern würde. Ich würde nicht zulassen, dass mein Leben von meinem Vater bestimmt wurde. Ich würde kämpfen. Für meine Freiheit. Für meine Zukunft. Und vielleicht, nur vielleicht, auch für Friedrich. Aber wie? Das war die Frage, die in meinen Gedanken widerhallte, während ich in die dunkle Nacht hinausblickte. Ein plötzliches Geräusch ließ mich zusammenzucken. Es kam von hinter mir, aus dem Saal. Ein Schrei, gefolgt von einem dumpfen Knall. Dann Stille. Eine Stille, die schwerer wog als jede Musik, jedes Gespräch. Eine Stille, die nach Blut roch.