Hamburgs arrogantes Herz

Chapter 1 — Hamburgs arrogantes Herz

Der erste Blick war ein Diebstahl. Nicht von meinem Herzen, noch nicht. Sondern von meiner Geduld. Mitten in der drückenden Hitze Hamburgs, vor der gläsernen Fassade der Elbphilharmonie, stahl er mir wertvolle Sekunden, die ich für den Aufbau meines Foodtrucks hätte nutzen können. Dieser arrogante Blick, der mich taxierte, als wäre ich ein minderwertiges Produkt in einem seiner überteuerten Feinkostläden.

Ich hasste Elias von Drachenfels vom ersten Moment an. Und das lag nicht nur daran, dass er der Inbegriff des verwöhnten Hamburger Snobs war, sondern auch daran, dass er mein direkter Konkurrent war. Mein Foodtruck, „Deichdeerns Leckereien“, war mein ganzer Stolz, meine Existenzgrundlage. Und er, mit seiner elitären Feinkostkette „Drachenfelss Delikatessen“, versuchte seit Monaten, mich aus dem lukrativen Geschäft rund um die Elbphilharmonie zu drängen.

Die salzige Brise der Elbe wehte mir eine Strähne meines blonden Haares ins Gesicht, als ich fluchend einen Sonnenschirm aufspannte. Der Duft von frisch gebackenen Franzbrötchen und herzhaften Fischbrötchen vermischte sich mit dem Geruch nach Diesel und dem fernen Kreischen der Möwen. Hamburg, meine Heimat, pulsierte um mich herum, aber mein Fokus lag einzig und allein auf dem schwarzen Porsche, der direkt vor meinem Truck parkte. Elias stieg lässig aus, seine dunklen Haare perfekt gestylt, die Sonnenbrille teuer und protzig. Er trug einen perfekt sitzenden Anzug, der in diesem Moment einfach nur deplatziert wirkte.

„Guten Morgen, Frau Krämer“, sagte er mit einer Stimme, die so glatt war wie polierter Marmor. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“

Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „Was wollen Sie, von Drachenfels?“, fragte ich, bemüht, meine Stimme ruhig zu halten.

Er lächelte, ein kaltes, berechnendes Lächeln. „Ich wollte mich nur erkundigen, ob Sie meine… großzügigen Angebote überdacht haben.“ Er spielte auf sein Angebot an, mir meinen Foodtruck zu einem Spottpreis abzukaufen, damit er den begehrten Standort für sich beanspruchen konnte.

„Ihre Angebote sind eine Frechheit“, zischte ich. „Ich werde meinen Truck nicht verkaufen, egal was Sie tun.“

Sein Lächeln verschwand. „Sie sind eine sture Frau, Frau Krämer. Das bewundere ich… und es wird Ihnen noch zum Verhängnis werden.“ Er beugte sich vor, sein Blick durchbohrend. „Ich bekomme immer, was ich will.“

Ich wich nicht zurück. „Nicht, wenn es nach mir geht.“

Er richtete sich auf, seine Augen funkelten gefährlich. „Dann spielen wir eben ein Spiel, Sophie. Ein Spiel, das Sie nicht gewinnen können.“ Er warf mir einen letzten, abschätzigen Blick zu und stieg zurück in seinen Porsche. Der Motor heulte auf, als er davonraste und eine Wolke aus Abgasen hinterließ, die den Duft meiner Leckereien verdrängte.

Ich atmete tief durch. Dies war erst der Anfang. Elias von Drachenfels würde nicht lockerlassen. Aber ich auch nicht. Ich hatte zu viel investiert, zu viel Herzblut in „Deichdeerns Leckereien“ gesteckt, um einfach so aufzugeben. Ich würde kämpfen. Bis zum bitteren Ende.

Die nächsten Wochen waren ein Katz-und-Maus-Spiel. Elias versuchte auf jede erdenkliche Weise, mir das Leben schwer zu machen. Er hetzte mir das Ordnungsamt auf den Hals, beschwerte sich über angebliche Lärmbelästigung und versuchte, meine Lieferanten abzuwerben. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte eine Hürde überwunden, tauchte eine neue auf. Doch ich gab nicht auf. Ich kämpfte zurück, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen.

Eines Abends, als ich nach einem langen Tag erschöpft in meiner kleinen Wohnung über der Bäckerei meiner besten Freundin Jule saß, klingelte mein Handy. Eine unbekannte Nummer. Zögernd nahm ich ab.

„Sophie Krämer?“, fragte eine tiefe, raue Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Ja, wer ist da?“, antwortete ich misstrauisch.

„Ich habe Informationen, die für Sie sehr interessant sein könnten. Informationen über Elias von Drachenfels.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen. „Wer sind Sie? Und was wollen Sie?“, fragte ich.

„Das ist unwichtig. Treffen Sie mich morgen Abend um Mitternacht am Fischmarkt. Allein. Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, sollten Sie pünktlich sein.“ Die Leitung knackte und das Gespräch wurde beendet.

Ich starrte auf mein Handy. Was war das gerade? Wer war dieser mysteriöse Anrufer? Und was wusste er über Elias? Es konnte eine Falle sein. Aber ich konnte es mir nicht leisten, diese Chance zu verpassen. Ich musste herausfinden, was vor sich ging. Und so beschloss ich, mich mit dem Unbekannten zu treffen. Am Fischmarkt. Um Mitternacht. Allein.