Durchschaut
Chapter 1 — Durchschaut
Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, aber der Geschmack konnte die Bitterkeit in meinem Herzen nicht überdecken. Hier stand ich, Hanna Braun, vermeintliche Erbin eines millionenschweren Familienunternehmens, auf der Wohltätigkeitsgala der von Hammerschmidts, und spielte die Rolle meines Lebens. Eine Rolle, die ich hasste.
Seit dem Tod meiner Eltern vor fünf Jahren lebte ich unter dem Namen meiner Cousine, um vor den Leuten zu fliehen, die für ihren Tod verantwortlich waren. Niemand durfte wissen, dass ich, die wahre Hanna Braun, noch am Leben war. Die Welt sollte glauben, ich sei bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. So hatte es mein Onkel, mein einziger noch lebender Verwandter, arrangiert. Zu meinem Schutz, wie er immer sagte. Doch der Preis für meine Sicherheit war hoch: Ich durfte mein altes Leben nicht mehr leben, meine Freunde nicht sehen, meine Identität aufgeben.
Ich lächelte gezwungen, als Clemens von Hammerschmidt, der umschwärmte Junggeselle und Gastgeber des Abends, auf mich zukam. Seine blauen Augen fixierten mich, und für einen Moment vergaß ich fast, wer ich zu sein vorgab. »Guten Abend, Frau Braun«, sagte er mit einer Stimme, die tiefer ging, als sie sollte. »Ich freue mich, Sie auf unserer Gala begrüßen zu dürfen.«
»Die Freude ist ganz meinerseits, Herr von Hammerschmidt«, antwortete ich, bemüht, meine Stimme ruhig und selbstsicher klingen zu lassen. Doch innerlich bebte ich. Clemens von Hammerschmidt war nicht nur unglaublich attraktiv, sondern auch unglaublich aufmerksam. Er schien mich zu durchschauen, mich zu sehen, wie niemand sonst es tat.
Den ganzen Abend über wich er nicht von meiner Seite. Wir tanzten, unterhielten uns über belanglose Dinge, und doch spürte ich eine Spannung zwischen uns, die fast greifbar war. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich in seinen Augen versank, mich in dem Gefühl verlor, für einen Moment nicht mehr Hanna Braun, die Betrügerin, zu sein, sondern einfach nur Hanna.
Als der Abend sich dem Ende zuneigte, zog er mich in eine ruhige Ecke des Gartens. Der Mond schien hell, und das sanfte Rauschen des Springbrunnens erfüllte die Luft. »Frau Braun«, begann er, seine Stimme sanft, »ich habe den Verdacht, dass Sie mir etwas verschweigen.« Mein Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er mich durchschaut? War mein falsches Spiel aufgeflogen?
Er kam einen Schritt näher. »Und ich werde herausfinden, was es ist.«