Blätter der Vergangenheit

Chapter 1 — Blätter der Vergangenheit

Der Geruch von alten Büchern und vergangenem Glück hing schwer in der Luft, als Romy die Tür zum Antiquariat "Vergissmeinnicht" aufschloss. Fünf Jahre. Fünf Jahre war es her, dass sie diesen Ort verlassen hatte, und nun stand sie wieder hier, die Schlüssel in der Hand, das Erbe ihrer Großmutter in ihrem Herzen, und eine bleierne Schwere in der Seele. Sie atmete tief ein, der Duft war ihr vertraut, tröstlich, aber er weckte auch Erinnerungen, Erinnerungen an ihn.

Das Antiquariat ihrer Großmutter war mehr als nur ein Geschäft; es war ein Zufluchtsort, ein Ort der Geschichten und Geheimnisse. Romy hatte ihre Kindheit zwischen den staubigen Regalen verbracht, hatte sich in die Welt der Bücher vertieft, hatte geträumt. Und hier, zwischen diesen alten Wänden, hatte sie auch ihre große Liebe gefunden.

Antiquariat. Sein Name war wie ein Echo in ihrem Herzen, ein süßer Schmerz, der nie ganz verging. Sie hatten sich hier kennengelernt, als er als Student in Heidelberg jobbte, um sein Studium zu finanzieren. Er hatte ihr Gedichte vorgelesen, ihr die Welt erklärt, ihr das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein. Ihre Liebe war wie ein Märchen, ein Feuerwerk der Gefühle, das in einer einzigen, verhängnisvollen Nacht erlosch.

Sie schüttelte den Kopf, versuchte, die Erinnerungen zu vertreiben. Antiquariat war Vergangenheit. Sie war zurückgekehrt, um das Antiquariat zu retten, das ihre Großmutter so geliebt hatte. Die letzten Jahre waren hart gewesen, das Geschäft lief schlecht, und Romy hatte sich entschlossen, ihren Job in Berlin aufzugeben und zurück nach Heidelberg zu ziehen, um zu versuchen, das "Vergissmeinnicht" vor dem Ruin zu bewahren. Es war eine Chance, neu anzufangen, sich ihren Ängsten zu stellen – und vielleicht auch, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Sie ging durch den Laden, strich über die alten Bücher, ordnete die Regale. Der Staub kitzelte in ihrer Nase, die Sonne schien durch die hohen Fenster und tauchte den Raum in ein warmes Licht. Es war gut, wieder hier zu sein, trotz allem. Sie spürte eine leise Hoffnung, dass sie es schaffen konnte, dass sie das Antiquariat retten und vielleicht auch ihren Frieden finden würde.

Am Nachmittag klingelte die Tür. Romy blickte auf und erstarrte. Im Türrahmen stand ein Mann, groß, breit gebaut, das dunkle Haar leicht ergraut an den Schläfen. Seine Augen, so blau wie der Sommerhimmel über Heidelberg, musterten sie, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Antiquariat. Er war zurück, und er sah sie an, als wäre keine Zeit vergangen. „Romy“, sagte er, seine Stimme tief und rau, „schön, dich wiederzusehen.“ Er trat ein, und mit jedem Schritt, den er näher kam, spürte Romy, wie die Vergangenheit sie mit voller Wucht einholte. Alles, was sie so sorgfältig verdrängt hatte, brach mit einem Mal wieder auf. Sie brachte kein Wort heraus, konnte sich nicht bewegen.

„Ich habe gehört, du bist zurück“, fuhr er fort, blieb vor ihr stehen und sah ihr tief in die Augen. „Ich wollte dich unbedingt sehen.“ Er hob die Hand, um eine Strähne aus ihrem Gesicht zu streichen, aber sie wich zurück. Die Berührung seiner Hand erinnerte sie an alles, was sie verloren hatte. Er schien ihren Schmerz zu spüren und senkte die Hand wieder.

„Was willst du, Antiquariat?“, fragte sie schließlich, ihre Stimme zitterte leicht. Er antwortete nicht sofort. Er musterte sie erneut, als wollte er in ihre Seele sehen. Dann sagte er leise: „Ich will dir helfen, Romy. Ich weiß, dass das Antiquariat in Schwierigkeiten ist. Ich will, dass es wieder so wird wie früher.“

Romy lachte bitter auf. „Du willst mir helfen? Du? Nachdem du mich verlassen hast? Nachdem du mein Herz gebrochen hast?“ Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen stiegen. Er hatte kein Recht, ihr jetzt zu helfen. Er hatte kein Recht, wieder in ihr Leben zu treten.

Er schwieg einen Moment, dann sagte er: „Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe, Romy. Ich bereue es jeden Tag. Aber ich will es wieder gutmachen. Bitte lass mich dir helfen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken an einem Bücherregal stand. Er war ihr so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. Sie sah in seine Augen, und sie erkannte, dass er die Wahrheit sagte. Er bereute es wirklich. Aber konnte sie ihm verzeihen? Konnte sie ihm noch eine Chance geben? In diesem Moment klingelte es erneut an der Tür. Eine junge Frau betrat den Laden, strahlend schön, mit langen blonden Haaren und einem Lächeln, das Romy das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Schatz, ich bin’s!“, rief die Frau. „Ich habe die Unterlagen für das neue Geschäft dabei.“ Sie umarmte Antiquariat, und er erwiderte die Umarmung. Romy spürte, wie ihr Herz in tausend Stücke zerbrach. War das seine neue Liebe? War er vergeben? Und was bedeutete das mit dem neuen Geschäft? Sie konnte es nicht glauben. Er hatte sie angelogen. Wieder einmal.

Antiquariat löste sich von der Frau und sah Romy an, sein Gesicht war bleich. „Romy, das ist…“, begann er, aber Romy unterbrach ihn.

„Geh!“, schrie sie. „Geh einfach! Ich will dich nie wiedersehen!“