Pakt im Club

Chapter 1 — Pakt im Club

Der Champagner schmeckte nach Verrat. Nicht, dass Viktoria je echten Champagner getrunken hätte – der prickelnde Fusel in ihrem Glas war das billigste Zeug, das der Späti um die Ecke zu bieten hatte. Aber Verrat, der schmeckte immer gleich, egal wie teuer die Verpackung war.

Sie presste die Lippen zusammen und zwang sich zu einem Lächeln, als ihre beste Freundin, Elisa, sie anstieß. »Auf uns, Viki! Auf den Abschluss! Auf die Freiheit!«

Freiheit. Ein bitterer Witz, der in Viktorias Hals stecken blieb. Sie hatte sich Freiheit anders vorgestellt. Ohne den drohenden Schatten der elterlichen Bäckerei, ohne die unausgesprochene Verpflichtung, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Und definitiv ohne den Heiratsantrag von Matthias, dem Bäckerlehrling mit den speckigen Haaren und den klebrigen Fingern, der sie seit der zehnten Klasse verfolgte.

»Freiheit«, wiederholte sie matt und kippte den Rest des Glases hinunter. Elisa bemerkte ihren trüben Blick nicht, zu sehr war sie mit ihrem eigenen Glück beschäftigt. Sie hatte ein Stipendium für ein Kunststudium in Berlin bekommen. Berlin! Viktorias Traumstadt, in die sie niemals würde ziehen können.

Die Musik dröhnte aus den Boxen des Kreuzberger Clubs. Neonlicht flackerte über verschwitzte Gesichter, der Geruch von Bier und Zigaretten hing schwer in der Luft. Eigentlich liebte Viktoria diese Art von Abenden. Die ungezwungene Atmosphäre, die Möglichkeit, für ein paar Stunden dem Alltag zu entfliehen. Aber heute fühlte sie sich gefangen, wie ein Vogel im goldenen Käfig.

Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Arm. Sie wirbelte herum und blickte in das arrogante Gesicht von Thomas Schuster. Thomas Schuster! Was zur Hölle wollte der hier?

Er war das personifizierte Gegenteil von allem, was Viktoria jemals wollte. Reich, arrogant, skrupellos. Ein Spross einer der einflussreichsten Familien Berlins, bekannt für ihre zwielichtigen Geschäfte und ihren Hang zur Macht. Sie kannte ihn nur flüchtig von ein paar Wohltätigkeitsveranstaltungen, zu denen ihre Mutter sie gezwungen hatte, um »Kontakte zu knüpfen«.

»Viktoria Baumgart, nicht wahr?« Seine Stimme war tief und rau, ein leises Knistern, das eine unangenehme Gänsehaut auf ihren Armen verursachte. Seine Augen, so dunkel wie die Nacht, musterten sie von Kopf bis Fuß.

»Schuster«, erwiderte sie kühl. »Was führt Sie in diese… bescheidene Gegend?«

Er grinste, ein gefährliches Funkeln in seinen Augen. »Ich könnte Sie dasselbe fragen. Aber ich denke, wir beide sind auf der Flucht vor etwas.« Er machte eine theatralische Pause. »Oder besser gesagt, vor jemandem.«

Viktorias Herz begann schneller zu schlagen. Sie wusste genau, was er meinte. Matthias hatte sie den ganzen Abend mit seinen klebrigen Blicken verfolgt. Und ihre Mutter hatte ihr heute Morgen eine Standpauke gehalten, wie wichtig es sei, »vernünftige« Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen. Entscheidungen, die natürlich Matthias einschlossen.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log sie. Sie versuchte, sich loszureißen, aber sein Griff wurde fester.

»Doch, das wissen Sie. Und ich habe ein Angebot für Sie, Viktoria. Ein Angebot, das Ihnen gefallen könnte.« Er beugte sich vor, seine Lippen gefährlich nah an ihrem Ohr. »Ich brauche eine… Begleitung. Jemand, der meine Verlobte spielt. Für ein paar Wochen. Im Gegenzug lasse ich Matthias verschwinden. Und ich sorge dafür, dass Ihre Mutter Sie in Ruhe lässt.«

Viktorias Atem stockte. Das war Wahnsinn. Völliger Wahnsinn. Aber der Gedanke, Matthias und ihrer Mutter zu entkommen, war verlockend. Sehr verlockend.

»Und warum sollte ich das tun?« fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

Thomas Schuster lächelte. Es war kein warmes, freundliches Lächeln. Es war ein Raubtierlächeln. »Weil Sie keine Wahl haben, Viktoria. Denn wenn Sie ablehnen, sorge ich dafür, dass Ihr Leben noch viel unangenehmer wird, als es jetzt schon ist. Und außerdem…« Er beugte sich noch näher vor, seine Stimme nur ein Flüstern. »…es könnte ja auch Spaß machen.«

Er löste seinen Griff und trat einen Schritt zurück. Viktoria starrte ihn an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Sie wusste, dass sie sich auf ein gefährliches Spiel einließ. Aber sie war es leid, sich immer nur den Erwartungen anderer zu beugen. Sie war es leid, sich verstecken zu müssen. Vielleicht war das ihre Chance, endlich frei zu sein. Auch wenn diese Freiheit einen hohen Preis hatte.

»Ich brauche Bedenkzeit«, sagte sie schließlich, ihre Stimme zitterte leicht.

»Sie haben bis morgen früh«, erwiderte er. »Um acht Uhr werde ich Sie abholen. Seien Sie bereit, Viktoria. Ihr neues Leben beginnt.«

Er nickte ihr kurz zu und verschwand in der Menge. Viktoria blieb wie erstarrt zurück, das leere Champagnerglas in der Hand. Sie spürte, wie ihr Herz raste. Was hatte sie sich da nur eingebrockt? Sie blickte sich um, suchte nach Elisa, nach irgendeinem bekannten Gesicht, das ihr Halt geben konnte. Aber sie war allein. Völlig allein.

Als sie nach Hause kam, fand sie einen Umschlag unter ihrer Tür. Ihr Name war in eleganter Schreibschrift darauf geschrieben. Zögernd öffnete sie ihn und zog einen einzelnen, blutroten Rosenstiel heraus. An dem Stiel war eine kleine Notiz befestigt. Nur ein einziges Wort: »Wähle weise.«

Viktorias Hände begannen zu zittern. Das war keine Einladung. Das war eine Drohung.