Das St. Pauli Syndikat

Chapter 1 — Das St. Pauli Syndikat

Das erste, was ich sah, als ich aufwachte, war die Decke. Schmutzigweißer Putz, der in bröckeligen Mustern herabhing, ein Mahnmal meiner misslichen Lage. Ich lag auf einer schmalen Matratze, die muffig nach billigem Desinfektionsmittel und Verzweiflung roch. Mein Kopf dröhnte, und ein stechender Schmerz pulsierte hinter meinen Augen. Wo war ich?

Langsam kamen die Erinnerungen zurück, wie Stiche in mein Bewusstsein. Die grellen Lichter der Reeperbahn, der dröhnende Bass aus den Clubs, der süßliche Geruch von Zuckerwatte vermischt mit billigem Parfüm. Dann das Gefühl, beobachtet zu werden, die plötzliche Panik, der Griff nach meinem Arm. Alles verschwamm zu einem Strudel aus Angst und Verwirrung.

Ich versuchte, mich aufzusetzen, doch ein Schmerz durchfuhr meinen Körper. Meine Handgelenke brannten, und als ich sie betrachtete, entdeckte ich rote Striemen. Fesseln. Sie hatten mich gefesselt.

»Endlich wach, Schneewittchen?«, dröhnte eine tiefe Stimme aus dem Dunkel. Ich zuckte zusammen und versuchte, die Quelle des Geräusches auszumachen. In einer Ecke des Raumes, nur von einem einzelnen, flackernden Neonlicht erhellt, stand ein Mann. Groß, finster, eine Aura der Gefahr um ihn herum. Seine Augen, so dunkel wie die Nacht, musterten mich mit einer Intensität, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Ich presste mich tiefer in die Matratze, versuchte, mich so klein wie möglich zu machen. »Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?«, stammelte ich, meine Stimme bebend vor Angst.

Er lachte, ein tiefes, raues Geräusch, das jede Hoffnung in meinem Inneren zu ersticken drohte. »Ich bin dein Albtraum, Lara Jung. Und du bist jetzt mein Spielzeug.« Er trat näher, und ich konnte den stechenden Geruch von Leder und Zigaretten wahrnehmen. Seine dunklen Augen fixierten mich, und ich wusste, dass mein Leben, so wie ich es kannte, vorbei war.

»Du bist dumm gelaufen, Lara. Du hast etwas gesehen, das du nicht hättest sehen dürfen. Und jetzt wirst du für dein Versehen bezahlen.« Seine Stimme war kalt und emotionslos, ein Todesurteil in Samt verpackt. Ich schluckte schwer, versuchte, meine Panik unter Kontrolle zu bekommen.

»Was habe ich gesehen?«, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Er grinste, ein grausames, triumphierendes Grinsen, das meine schlimmsten Befürchtungen bestätigte. »Das ist jetzt mein Geheimnis. Aber keine Sorge, du wirst es früh genug erfahren. Und dann wirst du dir wünschen, du wärst niemals geboren worden.« Er beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. »Aber zuerst... spielen wir ein Spiel.«

Er zog ein Messer aus seiner Jackentasche, und das Neonlicht spiegelte sich gefährlich auf der Klinge. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er berührte damit sanft meine Wange, und eine eisige Kälte durchfuhr mich. »Keine Angst, Schneewittchen. Ich werde dich nicht töten. Noch nicht. Aber ich werde dich brechen. Stück für Stück. Und wenn du dann endlich soweit bist, mir alles zu erzählen… dann sehen wir weiter.«

Er lehnte sich zurück und betrachtete mich, wie ein Raubtier seine Beute beäugt. »Aber jetzt, mein Schatz... zeig mir, wie viel Angst du hast.« Dann riss er mir die Bluse auf.

In diesem Moment hörte ich ein Geräusch von draußen, dumpf und bedrohlich. Schritte auf der Treppe. Er hielt inne, lauschte, seine Augen verengten sich. »Was zum Teufel…«, murmelte er, und ein Hauch von Besorgnis huschte über sein Gesicht. Er drehte sich um, rannte zur Tür und verschwand im Dunkel. Ich lag zitternd auf der Matratze, meine Brust entblößt, mein Herz raste wie wild. Waren das meine Retter? Oder nur weitere Monster, die mich in ihren Fängen halten wollten? Ich konnte es nicht sagen. Alles, was ich wusste, war, dass mein Albtraum gerade erst begonnen hatte.