Systemfehler
Chapter 1 — Systemfehler
Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, ein teurer Scherz angesichts der drohenden Katastrophe. Ich lächelte in die Menge, ein kalkuliertes Funkeln in meinen Augen, während mein Herz wie ein wildgewordener Vogel gegen meine Rippen hämmerte. Niemand hier, in diesem glitzernden Ballsaal des Berliner Grand Hotels Adlon, durfte auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, dass die Fassade der unbeschwerten Erbin gleich zusammenbrechen würde.
Ich bin Leonie Winkler, 25 Jahre alt und – zumindest laut Klatschpresse – die nächste in der Reihe, das Familienimperium zu übernehmen. Was sie nicht wissen: Ich bin auch „Nachtfalter“, die berüchtigtste Hackerin Deutschlands, die seit Monaten im Visier des BKA steht.
Das Adlon strahlte unter dem Kristalllüster, ein Kaleidoskop aus Seide, Pelz und Diamanten. Papas Wohltätigkeitsball zugunsten der „Winkler-Stiftung für benachteiligte Kinder“. Ironisch, wenn man bedenkt, dass ich mich schon als Kind benachteiligt fühlte, gefangen in einem goldenen Käfig aus Erwartungen und Verpflichtungen.
Mama, wie immer, schwebte wie eine perfekt manikürte Eisprinzessin durch den Raum, ihr Lächeln eisig, ihre Augen taxierend. Sie war die Architektin meiner öffentlichen Persona, diejenige, die mir eingebläut hatte, dass ein Winkler niemals Schwäche zeigen durfte. Papa, der Patriarch, stand am anderen Ende des Saals, umgeben von Ja-Sagern und potenziellen Geschäftspartnern. Er sah müde aus, gezeichnet von den Sorgen des Unternehmens, das er mit harter Arbeit aufgebaut hatte. Ein Unternehmen, das ich nun zu retten versuchte – auf meine ganz eigene, illegale Art.
»Leonie, mein Schatz, da bist du ja!«, zischte Mama, als sie sich mir näherte, ihre Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. »Wo steckst du schon wieder? Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich um Herrn von Reinhagen kümmern. Er ist ein wichtiger Investor.«
Ich seufzte innerlich. Daniel von Reinhagen. Der Inbegriff des arroganten, steinreichen Erben. Groß, blond, mit einem Blick, der einen gleichzeitig durchbohrte und langweilte. Er hatte mich seit Wochen umgarnt, mit teuren Geschenken und noch teureren Dinnern. Was er nicht wusste: Ich brauchte sein Geld nicht. Ich brauchte nur Zugang zu seinen Daten.
»Mama, ich hatte gerade ein wichtiges Gespräch mit Frau Krämer von der Stiftung«, log ich, mein Lächeln unerschütterlich. »Ich werde mich gleich um Herrn von Reinhagen kümmern.«
Sie nickte gnädig, ihr Blick immer noch misstrauisch. »Achte darauf, dass du einen guten Eindruck machst, Leonie. Dein Vater zählt auf dich.« Dann schwebte sie davon, um das nächste soziale Desaster zu verhindern.
Ich nahm einen tiefen Atemzug und suchte Daniel von Reinhagen in der Menge. Er stand am Rande der Tanzfläche, umgeben von einer Gruppe junger Frauen, die um seine Aufmerksamkeit buhlten. Er sah mich, ein selbstgefälliges Grinsen huschte über sein Gesicht. Ich zwang mich zu einem Lächeln und ging auf ihn zu.
»Daniel«, sagte ich, meine Stimme honigsüß. »Entschuldige die Verspätung. Ich war in ein Gespräch vertieft.«
»Leonie«, erwiderte er, seine Augen musterten mich von Kopf bis Fuß. »Immerhin bist du gekommen. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste den Abend mit diesen langweiligen Damen verbringen.« Er deutete auf seine Begleiterinnen, die mich mit feindseligen Blicken bedachten. Ich ignorierte sie.
»Ich wollte dich gerade zum Tanzen auffordern«, sagte er, seine Hand legte sich um meine Taille. Ich spürte einen leichten Schauer, nicht vor Aufregung, sondern vor Abscheu. Aber ich lächelte und ließ mich von ihm auf die Tanzfläche führen. Während wir uns im Walzertakt drehten, begann ich, meinen Plan in die Tat umzusetzen.
»Daniel, ich habe gehört, du interessierst dich sehr für neue Technologien«, sagte ich, meine Stimme schmeichelnd. »Ich habe da ein paar Ideen, die dich vielleicht interessieren könnten.«
Sein Interesse war geweckt. »Wirklich? Erzähl mir mehr.«
Ich lächelte. Das Spiel hatte begonnen.
Stunden später, als der Ball sich dem Ende zuneigte, stand ich allein auf dem Balkon, die kühle Berliner Nachtluft um mich herum. Ich hatte Daniel erfolgreich um den Finger gewickelt und ihm ein paar harmlose Informationen entlockt. Genug, um meinen Plan voranzutreiben, aber noch nicht genug, um ihn zu gefährden. Ich brauchte mehr. Ich brauchte seinen vollständigen Zugriff auf die Server seiner Bank.
Plötzlich vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von meinem Informanten beim BKA. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
*»Sie wissen Bescheid, Nachtfalter. Sie sind dir auf den Fersen. Verschwinde so schnell du kannst.«*
Panik stieg in mir auf. Wie war das möglich? Wer hatte mich verraten?
Ich drehte mich um und sah eine Gestalt im Schatten stehen. Ein Mann, groß und dunkelhaarig, mit einem unleserlichen Ausdruck im Gesicht. Er trat ins Licht. Georg Schwarz. Der Leiter der Cybercrime-Abteilung des BKA. Der Mann, der mich seit Monaten jagte. Und er lächelte.
»Guten Abend, Frau Winkler«, sagte er, seine Stimme war tief und gefährlich. »Oder sollte ich sagen, Nachtfalter?«