Unter unserem Stand
Chapter 1 — Unter unserem Stand
Der Geruch von Rosen und Geheimnissen hing schwer in der Luft, als ich ihn zum ersten Mal sah. Nicht, dass das etwas Besonderes wäre – Rosen umgaben uns überall in den Gewächshäusern von Schloss Hohenberg. Aber er… er stach heraus wie eine schwarze Dahlie in einem Meer aus blassem Rosa.
Ich, Hanna Seidel, 22, Tochter des Gärtners und seit meiner Kindheit zwischen Rosenranken und Blumenerde aufgewachsen, sollte mich eigentlich um die Züchtung einer neuen Rosensorte für die bevorstehende Hochzeit kümmern. Die Hochzeit des Jahres, wenn man den Klatschblättern Glauben schenken durfte. Cornelius von Sternberg, der Erbe des gesamten Anwesens, würde Charlotte von Stein, die Tochter eines Bankiers, heiraten. Eine Verbindung, die Tradition und Reichtum vereinte.
Aber meine Aufmerksamkeit galt an diesem Nachmittag nicht den Rosen, nicht den Hochzeitsvorbereitungen, sondern diesem einen Mann. Er stand abseits, im Schatten eines Säulenkaktus, die Hände in den Taschen seiner dunklen Hose vergraben. Sein Gesicht war im Halbschatten verborgen, aber ich erkannte die hohen Wangenknochen, die dunklen Augen, die mich zu beobachten schienen, obwohl er mich nicht direkt ansah. Er hatte eine Aura der Unnahbarkeit, eine kühle Eleganz, die mich faszinierte und gleichzeitig einschüchterte.
»Du bist neu hier?«, fragte ich, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte. Meine Stimme klang heiser, fast fremd.
Er drehte langsam den Kopf und fixierte mich mit einem Blick, der mich bis in die Zehenspitzen durchdrang. »Vielleicht«, antwortete er mit tiefer, rauer Stimme. »Oder vielleicht war ich schon immer hier, nur unsichtbar.«
Ich runzelte die Stirn. »Unsichtbar? Das glaube ich kaum. Auf Schloss Hohenberg bleibt nichts unbemerkt.«
Er lächelte – ein kurzes, kaum merkliches Zucken seiner Mundwinkel. »Dann muss ich wohl meine Tarnung verbessern.«
»Und wer bist du überhaupt?«, fragte ich neugierig. Ich wusste, dass ich unhöflich war, aber ich konnte mich einfach nicht beherrschen.
»Ein Freund des Hauses«, antwortete er ausweichend. »Ein Gast. Nenn mich… Franz.«
Franz. Der Name passte zu ihm, zu dieser Aura des Geheimnisvollen, die ihn umgab. Ich hatte noch nie einen Franz auf Schloss Hohenberg gesehen oder von ihm gehört. Und ich kannte jeden hier, zumindest vom Sehen.
»Ich bin Hanna«, sagte ich. »Ich arbeite hier.«
»Das habe ich gesehen«, sagte er und sein Blick wanderte über meine рабочей Kleidung, die mit Blumenerde verschmutzt war. »Du kümmerst dich um die Rosen.«
»Ja. Für die Hochzeit.«
Sein Lächeln verschwand. »Die Hochzeit… ja.« Er schien kurz in Gedanken versunken zu sein.
Schweigen senkte sich zwischen uns. Ein unangenehmes, prickelndes Schweigen, das mir Gänsehaut bereitete.
Plötzlich hörten wir Schritte. Charlotte von Stein, die zukünftige Braut, betrat das Gewächshaus, gefolgt von Cornelius von Sternberg. Beide strahlten eine gekünstelte Freundlichkeit aus, die mir immer schon widerstrebt hatte.
»Hanna, da bist du ja«, sagte Charlotte mit gezwungenem Lächeln. »Cornelius wollte unbedingt die Rosen sehen.« Sie hakte sich bei ihrem Verlobten ein.
Cornelius nickte. »Hanna, meine Güte, du bist ja ganz schmutzig. Aber die Rosen sind wunderschön.« Sein Blick glitt zu Franz. »Darf ich vorstellen? Das ist Franz Kessler, ein alter Freund der Familie.«
Franz verbeugte sich leicht. »Eine Freude, Sie kennenzulernen, Charlotte.«
Charlotte erwiderte die Verbeugung. »Die Freude ist ganz meinerseits.«
Cornelius legte einen Arm um Charlottes Schultern. »Franz ist extra für die Hochzeit angereist.«
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Franz Kessler. Ein Freund der Familie. Warum hatte ich noch nie von ihm gehört? Und warum hatte er mir seinen Nachnamen verschwiegen?
»Franz wird uns bei der Hochzeitsplanung unterstützen«, fügte Cornelius hinzu. »Er hat ein ausgezeichnetes Auge für Details.«
Franz nickte zustimmend, doch sein Blick traf sich kurz mit meinem. Ein Blick, der mehr sagte als tausend Worte. Ein Blick voller Warnung und… etwas anderem. Etwas Dunklem. Etwas Verbotenem.
Charlotte zog Cornelius weiter in das Gewächshaus hinein, um ihm die einzelnen Rosen zu zeigen. Franz blieb zurück und sah mich weiterhin an. Er schüttelte leicht den Kopf. «Du solltest dich von mir fernhalten, Hanna», flüsterte er, so leise, dass es fast unhörbar war. Dann wandte er sich ab und folgte dem Paar.
Ich stand wie angewurzelt da, die Worte in meinem Kopf widerhallend. Warum sollte ich mich von ihm fernhalten? Und was bedeutete dieser Blick? Was verbarg Franz Kessler wirklich?
Am Abend, als ich in meinem kleinen Zimmer über der Gärtnerei saß, hörte ich ein leises Klopfen an der Tür. Mein Herz raste. Ich öffnete die Tür und sah Franz im dunklen Flur stehen. Sein Gesicht war im Schatten verborgen. «Wir müssen reden», sagte er leise. «Es geht um die Hochzeit… und um Cornelius.»